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30.05.2013 16:38

Jungschar/Kinderarbeit - was würde jo tun?

Ich führe hier ja nebenbei auch immer mal private Mailwechsel. Dabei kommen manchmal Dinge zur Sprache, bei denen es schade wäre, sie nur bilateral zu diskutieren.

Einer meiner Mitleser hat mehrere Kinder zwischen 0 und 8 Jahren. Davon gehen gleich mehrere in den Kinderdienst einer Freikirche, den ich mal für mich frei als Jungschar oder Kindergottesdienst interpretiert habe. Nun sind wohl beide Eltern nicht mehr gläubig und tun sich schwer, wenn ihre Kinder fromme Sprüche ablassen im Sinne von "Gell Papa, das hat Gott gemacht".

Was würde nun also jo tun? Der Supermann, der alles weiß, aber leider bis heute keine Kinder in die Welt gesetzt hat?

Ich werde hier mal meine Ansicht eröffnen und vielleicht können diejenigen mit Kindern sich auch dazu äußern und ihre Ansicht darstellen. Und weil ich dies für ein Thema halte, das ich gern dauerhaft irgendwo einbauen möchte, schreibe ich es mal als Blogbeitrag.

Tipp Nr. 1: Entspannen, nachdenken und recherchieren

Es geht um kleine Kinder. Da ihr ja selbst in der Gemeinde wart, werdet ihr wissen, wie dieser Art von Kinderarbeit aussieht. Bekommen die Kinder dort Angst gemacht oder fühlen sie sich wohl, sind unter Gleichgesinnten und erleben etwas kindgerechtes und schönes.

"Gell Papa, das hat Gott gemacht" klingt für mich eher nach einer schönen Erfahrung für die Kinder.

Tipp Nr. 2: Sich an die eigene Kindheit erinnern

Meine Eltern waren in der Kirche aber nicht fromm. Meine Mutter erzählte mir vom lieben Gott. Ich habe den lieben Gott auch tatsächlich im Himmel gesehen. Er sah aus, wie eine fliegende Tonne in Rot und blau mit einem grinsenden Gesicht. Das ist kein Witz. Ich habe ihn wirklich gesehen, wenn ich in den Himmel geschaut habe und habe ihn meiner Mama gezeigt. Soviel also schon mal zu Kinderfantasien.

Ich hab keine Ahnung, ob ich an den Osterhasen geglaubt habe. Aber an das Christkind und den Nikolaus habe ich geglaubt. Letzerer kam am 6.12. in Gestalt meiner verkleideten Mutter zu uns und wir Kinder hatten wirklich richtig Schiss, ob er uns eine Rute bringt oder etwas schönes. Wir haben Gedichte auswendig gelernt und aufgesagt oder später etwas auf einem Musikinstrument gespielt.

In einer Fernsehsendung sahen wir einen Zauberkünstler. Zum Ende der Sendung nahm er ein Zwei-Mark-Stück in die Hand und sagte: "Und dies - ist der Schlüssel zum Geheimnis". Dabei schloss er die Hand und öffnete sie wieder. Das Zwei-Mark-Stück hatte sich in einen Schlüssel verwandelt. Wir Kinder ließen uns ein Zwei-Mark-Stück geben und ich weiß heute noch, wie wir in meinem Zimmer saßen und immer wieder diesen Spruch sagten und dabei die Hand auf und zumachten. Kinder glauben an übernatürliche Dinge.

Außerdem glaubte ich an Flipper, an Lassy, an die Biene Maja, ich schlief schlecht, wenn ich Raumschiff Enterprise sah oder Orion. Ich hatte Kuscheltiere, die alle abends mit mir unter die Bettdecke mussten. Einmal sagte ich meinem Opa, dass unter meinem Bett etwas ist. Er nahm einen Hammer, machte Licht und sah nach.

Und schließlich schwänzte ich irgendwann einmal mit einem Freund zusammen Kindergarten. Wir trafen uns draußen. Dann drehten wir im Sandkasten unsere Fahhräder auf den Kopf, drehten an der Pedale und sagten: Dies sind unsere Zaubermaschinen. Und dann zauberten wir. Was weiß ich nicht mehr :-)

Und - hat mir das geschadet? Oder sind dies alles nicht ganz normale kindliche Erfahrungen?

Was ist so anderes zwischen dem lieben Gott und Donald Duck, dem Kuscheltier oder einer Puppe?

Tipp Nr. 3: Sich an die eigene Teenie-Zeit erinnern

Was geschieht eigentlich in der Teenie-Zeit, wenn man langsam erwachsen wird. Dazu kann ich etwas sagen, denn ich habe zwei Nichten von denen eine heute 17 wird. Die andere ist 15.

Dreht sich in dieser Zeit nicht die eigene Welt auf den Kopf? Ist es nicht so, dass auf dem Weg von der Jungschar- in die Teenie-Arbeite jede Menge Jungendliche glaubesmäßig auf der Strecke bleiben? Warum tun sie das wohl? Weil sie anfangen, selbst zu denken. Weil Gott plötzlich irgendwie uncool wird. Und vielleicht auch, weil es plötzlich so attraktive Dinge zu entdecken gibt, gegen die der liebe Gott eindeutig die unattraktivere Alternative ist.

Nur weil ein Kind eine fromme Jugendzeit verbracht hat, ist damit doch kein Weg zum strenggläubigen Menschen vorgezeichnet.

Tipp Nr. 4: Marei

Als ich mit 24 zum Glauben kam, fiel mir die 14jährige Marei auf. Sie war ein sehr aufgewecktes, positives Mädchen. Und sie kam in unsere Teestube, die mehr eine Folgearbeit für die fertigen Konfirmanden darstellte. In unserer Teestube trafen sich jeden Samstag zwischen 30 und 50 Leute zwischen 13 und 40. Dort gab es Tee und Kekse und ein frommes Thema, das wir vorbereiteten.

Mareis Eltern waren nicht gläubig. Marei kam aber gern zu uns. Sie sprach aber auch mit ihren Eltern. Und was sagten die ihr?

Liebe Marei: Wir freuen uns, dass du mit diesen Leuten so gern zusammen bist und schöne Dinge erlebst. Aber wir glauben nicht an diesen Gott. Wir finden aber, dass du alt genug bist, um deine eigenen Entscheidungen zu treffen. Wenn es dir guttut, mit dieser Gruppe zusammenzusein, dann geh dort hin. Wir haben nichts dagegen.

Ein anderes Mädchen war etwas älter als Marei. Also so 19 oder 20. Sie redete mit ihren Eltern auch über Gott. Wir schenkten wir sogar eine Senfkornbibel zum Geburtstag. Ihre Eltern belächelten sie etwas und sagten, sie seien früher auch mal in der Kirche aktiv gewesen. Aber irgendwann gibt sich das wieder. Und es gab sich wieder, nämlich just in den Moment, als sie einen Freund fand. Dann kam sie nicht mehr zu uns und zeigte sich auch nicht mehr interessiert, wenn wir sie anriefen.

Tipp Nr. 5: Alternativen überdenken und schaffen

Ich persönlich glaube, Mareis Eltern dachten sich: Diese frommen Spinner trinken mit den Kindern am Samstag abend Tee, essen mit ihnen Kekse, reden mit ihnen über Gott. Da fällt uns sicher einiges ein, das dümmer laufen könnte. Diese Eltern vermittelten ihrem Kind zunächst mal zwei wichtige Dinge: Erstens, dass sie es für fähig halten, seinen Kopf zu benutzen und selbst Entscheidungen zu treffen. Und zweitens Selbstbewusstsein. Der Rest regelt sich dann von selbst. (Meine Meinung).

Also erzieht eure Kinder zum Nachdenken. Geht mit ihnen Schritte, die sie verstehen. Und wenn euch die Jungschar ein Dorn im Auge ist, dann gebt ihnen Alternativen. Zum Beispiel für Jungs ein Fußballverein. Aber kommt dann nicht zu mir, wenn ihr feststellt, dass die Jungs dort zwar nicht über Gott reden, aber ab einem gewissen Alter dem Alkohol nicht abgeneigt sind. :-)

Einfach euren Kindern verbieten, zu frommen Veranstaltungen zu gehen, würde ich nicht tun. Zumindest nicht, solange diese Veranstaltung kindgerecht sind und vielleicht bei näherer Betrachtung nur einen Biene-Maja-Gott vermitteln.

Tipp Nr. 6: Die eigenen Grenzen kennen

In meiner Teenie-Zeit gab es einen Jungen namens Henning. Er war der Sohn meiner ersten Klassenlehrerin. Sehr intelligent, in der SPD engagiert, als ich noch überhaupt kein politisches Interesse hatte. Ein sehr angenehmer Freund und Gesprächspartner. Die Eltern scheinen alles richtig gemacht zu haben. Bis heute hinterlässt der Name Henning das Bild eines Menschen, der ganz genau weiß, was er will, der andere begeistern kann, der nie ein böses Wort verliert, der immer freundlich ist, auf den man sich immer verlassen kann. Ein toller Mensch.

Wir haben ihn 1997 begraben. Nachdem er Anfang 20 nach Berlin zog, um dort zu studieren, stürzte er völlig ab, wurde Alkoholiker. Wenn ich ihn auf einer Party traf, sprach er nur noch vom "guten Bier". Und nach meheren Besuchen auf den Intensivstation einiger Krankenhäuser, weil seine Werte durch seine Besäufnisse durcheinandergerieten (er hatte Zucker), kam dann irgendwann einmal jede Hilfe zu spät.

Henning war nicht fromm. Niemals.

Was will ich damit sagen?
1. Es gibt schlimmere Dinge, als fromm zu sein (zu werden)
2. Als Eltern muss man irgendwann seine Kinder ihren Weg gehen lassen. Auch die beste Erziehung kann dabei zu einem nicht erwarteten Ausgang führen.

Tipp Nr. 7: Eine Religion ist nichts Schlimmes

Ich kenne viele Leute, die mit ihrem Glauben glücklich sind. Es ist nicht der Glaube, der Menschen kaputtmacht. Es ist die Art, wie man glaubt. Es ist die Selbstaufgabe.

Und auch wenn jetzt alle hier auf mich einprügeln: Ich habe noch einige Freunde in meistens evangelikalen Gemeinden, die sich ihren Kopf bewahrt haben. Sie haben niemals die Zügel ihres Lebens lockergelassen.

Und wenn die Bibel nun mal gesagt hat, dass Sex vor der Ehe Sünde ist, dann waren sie eben anderer Meinung. Sie waren auch offen für Gottes Reden. Aber nur, wenn er das redete, was sie auch tun wollten. Diese Freunde sind bis heute Christen. Sie reden fromm, gehen in den Gottesdienst, singen fromme Liedchen. Und? Ist das wirklich schlimm?

Ich weiß, dass einige von euch in echt krassen Gemeinden waren. Und das unterscheidet uns.

Wenn ich heute überlege, warum ich fromm wurde, dann lag das wahrscheinlich an einer Identitätskrise. Hätte ich vernünftige Eltern gehabt, mit denen ich hätte über alles reden können. Die mir auch selbst Vorbild hätten sein können, wäre ich möglicherweise niemals fromm geworden. Oder ich hätte das Heft des Handelns niemals aus der Hand gegeben.

Darum …

Tipp Nr. 8: Bietet euren Kindern ein gutes Elternhaus

Ich denke, das ist der Schlüssel zu allem. Nehmt eure Kinder ernst, versteht, was sie brauchen. Bietet ihnen ein gutes Zuhause und seld Eltern, die sie sich zum Vorbild nehmen können. Dass es dabei Reibereien geben kann, sehe ich gerade bei meiner Schwester mit ihren beiden nicht ganz einfachen Mädels. Aber bei allem Teenie-Krach, den es dort gerade gibt, merkt man deutlich, dass die beiden in einem gesunden zuhause aufwachsen.

Mir fällt gerade ein: Die kleinere hat sich letztes Jahr taufen lassen. Obwohl doch meine Schwester dies extra nicht getan hat. Sie war bei den Pfadfindern und fühlte sich dort so wohl, dass sie sich durch ein Jahr Konfirmandenunterricht geballert hat. Auch ich war zur Konfirmation eingeladen :-)

Und - ist sie nun indoktriniert worden, oder hat sie nicht vielmehr eine Entscheidung getroffen, die sie mit ihren 14 Jahren ja nun auch wirklich treffen dürfte. Nun ist sie in der Landeskirche, obwohl alle anderen ausgetreten sind.

Letztes Jahr zu ihrer Feier hat sie mich gefragt, ob ich auch zum Gottesdienst komme. Ich sagte: "Weiß du, Maja, ich hatte in meinem Leben genug Gottesdienst."
"Na gut, meinte sie. Dann komm einfach später zum Kaffeetrinken."

Wie finden das ihre Eltern? Meine Schwester lachte: "Wir haben sie extra nicht taufen lassen, und jetzt will sie konfirmiert werden" :-)

Nun ist mir natürlich klar, dass Landeskirche nicht gleich Freikirche ist. Aber mein Weg hat in der Landeskirche angefangen.

Irgendwie verheddere ich mich gerade. Darum beende ich meinen Beitrag mit den Worten: "Ihr müsst wissen, was für eure Kinder das Beste ist und was sie weiterbringt". Extrempositionen - und dazu gehört für mich Extrem-Glauben ebenso wie Exrem-Nicht-Glauben, halte ich beide für ähnlich problematisch. Ich glaube, dass das Leben daraus besteht, manchmal die Fünf gerade sein zu lassen. Ich kann aber gut verstehen, dass das beim Glauben manchmal schwer fällt.

Vielleicht waren ein paar Gedankenanstöße dabei, die euch beim Nachdenken helfen. Viel Erfolg dabei :-)


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