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30.11.-0001 00:00

Regionale Kenntnisse

Sie sind immer noch Bibelübersetzer. Ich verwende hier absichtlich abwegige Beispiele, weil ich gern zum Denken anregen möchte. Sehen Sie mir das bitte nach. Versuchen Sie sich bitte mal nicht über den Inhalt des Folgenden zu ärgern, sondern erfassen Sie das, was ich aussagen möchte.

Bitte übersetzen Sie folgenden Satz ins Englische:

Na, wie war es in Alzey?

Viele Schüler verwenden eine Anspielung in dieser Richtung. Was glauben Sie wohl, könnten sie damit meinen? Glauben Sie, hier fragt jemanden nach einer Reise nach Alzey? Ganz bestimmt nicht, auch wenn es so aussehen mag.

Wenn Sie aus meiner Gegend kommen, ist für Sie alles klar: die Nervenheilanstalt in Alzey ist gemeint. Im Prinzip ist dies eine kleine Beleidigung unter Freunden. Ein Spaß.

Nur einen (!) Kilometer nördlich von mir - über dem Rhein in Oestrich-Winkel/Hessen, wird man mit Alzey nichts anfangen können. Man kann dort von meinem Heimatort aus hinsehen. Eine Fähre fährt rüber. So nah ist es!

Auf der anderen Rheinseite nennt man es Kiedrich oder "den Eichberg". Und die Schüler dort verwenden genau den gleichen Satz - nur eben mit einem anderen Ort. Kein Mensch weiß dort, was Alzey ist. Selbst die meisten Erwachsenen wissen es nicht.

Das ist kein Witz. Es ist wirklich so. Und ich will mal so offen sein, dass mir die Idee zu diesem Text beim Rumflaxen unter Kollegen kam, als mir das Wort Kiedrich entgegengeworfen wurde. (Ich lebe multikulturell - ich arbeite auf der anderen Rheinseite.) Als ich dann entgegnete: "bei uns heißt das Alzey" sah ich in erstaunte Gesichter.

Was bedeutet dies nun für unsere Bibelübersetzung oder -auslegung? Es bedeutet nichts anderes, als dass das was "da steht" manchmal völlig irreführend sein kann.

Ich weiß nicht, ob ich als Übersetzer so weit gehen würde, die Stadt Alzey durch das flapsige Wort Klapsmühle zu ersetzen. Tatsache ist aber, dass mit dem reinen Städtenamen Alzey in diesem Satz niemand außenstehendes etwas anfangen kann. Wenn ich dort Alzey stehen lasse, ziehen meine Leser falsche Schlussfolgerungen.

Aber ab welchem Grad von Missverständlichkeit bin ich als Übersetzer zum Mitdenken verpflichtet? Ein wörtlich richtig übersetzter Text hilft doch niemandem etwas, wenn der Leser zwar die Worte versteht, aber deren Sinn nicht erfassen kann. Oder was ist Ihre Meinung hierzu?

In besonderen Fällen kann der Satz sogar das genaue Gegenteil von dem aussagen, was da steht. Mein Beispiel wirkt auf den Uneingeweihten wie eine freundliche Frage nach einer Reise. In Wirklichkeit ist es eine Beleidigung. Und nach weiterem Nachdenken, verstehen wir, dass es sich zwar um eine Beleidigung handelt, aber um eine nicht ernstzunehmende. Es ist ein Spaß. Nichts weiter. Finden Sie das nicht krass? Und nochmal weiter gefragt: Glauben Sie, dass einem Übersetzer/Forscher alle solchen kulturellen/regionalen Besonderheiten bekannt sein können?

Hier kann man sehen, wie wichtig es ist, beim Bibellesen einen Kommentar zur Hand zu nehmen. Man sieht aber auch, in welchem Zwiespalt ein Bibelübersetzer oder ein -ausleger steht. Der schmale Grat zwischen dem was da steht und dem was ausgedrückt werden soll, ist mitunter sehr schwer zu treffen. Nicht nur dass uns 2000 Jahre und eine andere Kultur von den damaligen Texten trennen. Nein, selbst damals wurden bestimmte Anspielungen möglicherweise überhaupt nur von einem kleinen Kreis von Zuhörern verstanden.

Anders ausgedrückt: die Bibeltexte richteten sich manchmal nur an einen kleinen Kreis von Empfängern. Gerade das Neue Testament besteht zum Großteil aus Briefen. Dass daraus irgendwann mal ein Buch werden würde, das fast in jedem Haushalt im Schrank steht, wusste doch damals keiner.

In meinen Augen fällt in diese Kategorie von schwierigen Fällen zum Beispiel die ganze Sex-vor-der-Ehe-Diskussion, die Sache mit dem Schleier, vielleicht auch Zungenrede.