Anmelden



23.10.2011 14:37

Jungfrau oder junge Frau? Von עלמה, Παρθενος und Γυναιον

Bin ich Jungfrau oder Jungfrau?

Ich bin Jungfrau. Wenn ich das so sage, werden Sie möglicherweise schmunzeln. Sage ich: "ich bin noch Jungfrau", schmunzeln Sie noch mehr.

Klar, das Wort Jungfrau hat verschiedene Bedeutungen. Meine ich das Sternzeichen, oder das andere :-) Schon das Einfügen des kleinen Wörtchens "noch" trifft eine klare Auswahl zwischen den beiden Bedeutungen.

Die englische Übersetzung von "Jungfrau"

Sie sind nun wieder einmal Bibelübersetzer. Der Grundtext ist deutsch und Sie haben diesen Satz ins Englische zu übersetzen: Ich bin Jungfrau. Was tun Sie?

Im Englischen gibt es die Worte "Virgin" und "Virgo". Sie sehen: so einfach ist die Übersetzung nicht. Das deutsche Wort Jungfrau hat mehrere Bedeutungen. Der Engländer hat für jede Bedeutung ein eigenes Wort.

Übersetzen Sie "I am Virgo", meinen Sie das Sternzeichen. Und nur das Sternzeichen. Verwenden Sie "virgin", hat Ihr Satz eine vollkommen andere Bedeutung. Und eben nur diese Bedeutung. Was auch immer Sie übersetzen, Sie treffen für Ihre Leser bereits eine Entscheidung. Wollen Sie das? Eigentlich nicht.

Aber wen interessiert das? Darauf kommen wir gleich, doch zunächst ein kleiner Exkurs.

 

Die Jungfrauen der Septuaginta (LXX)

Die Septuaginta. Oft liebevoll mit der römischen Ziffer siebzig - LXX - bezeichnet, weil ca. 70 Übersetzer in rund 70 Tagen die Tora ins Griechische übersetzt haben. Für alle Unerleuchteten: Als Tora bezeichnen die Juden die fünf Bücher Mose.

Offenbar hatten Sie beim Übersetzen viel Spaß, denn sie übersetzten weiter. Gegen 130 v. Chr. war das Alte Testament vollständig übersetzt. Das Neue gabs noch nicht.

Wen interessiert die LXX?

Rein von den Bibelberichten her, interessiert sie niemanden, denn sie ist quasi in der Bibelpause entstanden. Das Alte Testament endet ja um ca. 400 v. Chr. Auf die Fortsetzung musste man dann 400 Jahre warten. Das ist fast so lange wie die Wartezeit auf Episode I bei Krieg der Sterne.

Hebräer beerdigen Ihre Schriften

Ich hatte es schon mal an anderer Stelle geschrieben. Hebräer verwendeten keine beschädigten Schriften. War eine Schrift "verbraucht", wurde sie neu abgeschrieben und dann  "beerdigt". Schließlich war sie heilig.

Beim Abschreiben wurden gelegentlich Fehler gemacht. Darum wären für uns heute die beerdigten Schriften von hohem Wert. Leider wurden sie tatsächlich beerdigt und sind den Gang aller Dinge gegangen, die man beerdigen kann.

Die Chance für die Septuaginta

Die Septuaginta war nun eine griechische Übersetzung dieser hebräischen Original-Bibel-Texte. Warum brauchte man die? Weil damals Alexander der Große sehr eifrig war, mit der Eroberung der Welt. Griechenland war Weltmacht. Griechisch war bis ins Zeitalter von Jesus hinein Weltsprache. Darum ist auch das Neue Testament komplett in Griechisch verfasst.

Diese Griechen gingen nun mit ihren übersetzten heiligen Schriften anders um. Sie hoben sie auf.

Und so haben wir nun eine außerordentlich merkwürdige Situation:

  • Das Alte Testament wurde in hebräisch und aramäisch geschrieben.
  • Es wurde um 200 v. Chr. ins Griechische übersetzt.
  • Da der Hebräer seine heiligen Schriften "beerdigt", liegen keine alten Originale mehr vor. Alles was noch vorliegt, sind Neu-Abschriften.
  • Die alten hebräischen Schriften sind verloren. Nicht jedoch die griechischen Übersetzungen, die diese alten hebräischen Schriften noch im Original vorliegen hatten.

Eigentlich ist Hebräisch die Sprache des Alten Testaments. Und eigentlich muss man in die hebräischen Texte schauen, wenn man eine korrekte Übersetzung abliefern möchte.

ABER: Die griechische Septuaginta hatte noch andere - ältere - hebräische Manuskripte vorliegen. Das bedeutet: sie mag "nur" eine Übersetzung sein. Doch ihr Grundtext ist älter und damit genauer als der Grundtext, der heute vorliegenden hebräischen Schriften. Alles klar?

Kennen Sie "stille Post"?

Das Kinderspiel,  bei dem jeder dem anderen etwas ins Ohr flüstert und nach 10 Stationen etwas völlig anderes herauskommt, als man losgeschickt hatte?

Nehmen wir an, wir lassen zwei Gruppen von Kindern gegeneinander antreten: 10 deutsche und eine zweite Gruppe mit drei englischen Kindern. Nehmen wir weiter an, ich flüstere dem ersten deutschen Kind meinen Satz in deutsch ins Ohr und dem ersten englischen Kind in englisch.

Ihre Aufgabe ist es nun, das jeweils letzte Kind der Gruppe zu befragen und mir den korrekten deutschen Satz zu sagen. Wie gehen Sie vor?

Richtig. Die deutschen Kinder bekommen am Ende wahrscheinlich irgendeinen Unsinn heraus. Die englischen dagegen mögen den Satz nun "nur" in Englisch vorliegen haben. Aber ihr Satz wird genauer sein, weil es viel weniger Stationen gab, die ihn verfälscht haben könnten.

Und genau das ist das Besondere an der Septuaginta.

Wie würden Sie entscheiden?

Nun stellen Sie sich vor: Sie haben zwei Versionen eines Textes. In einer 100 Jahre alten hebräischen Abschrift steht: "Ich sehe ein Haus".

Eine 1000 Jahre alte grieschische Übersetzung, die ja vor 1000 Jahren auch einen entsprechend alten hebräischen Text vorliegen hatte, sagt: "Ich sehe einen Baum".

Genau so etwas gibt es im Alten Testament. Und es ist nun Sache der Forscher, möglichst den Originaltext zu rekonstruieren. Dabei verlässt man sich meistens auf das ältere Dokument. Doch das ist wieder eine andere Sache und soll hier nicht weiter beleuchtet werden.

Zurück zu den Jungfrauen - hebräisch עלמה

Erinnern Sie sich an mein Jungfrauen-Beispiel oben? Interessanterweise haben wir in der Bibel tatsächlich eine ähnliche Situation mit dem Wort עלמה (Alma) im Hebräischen. Das nämlich hat die Bedeutung von "Jungfrau" oder "junge Frau/Fräulein". Das sind zwei unterschiedliche Dinge.

Wo ist das interessant? Bei Jesaja 7,14 natürlich. Dort wird ja eine Jungfrauengeburt prophezeit.

"Siehe eine עלמה (Alma) wird schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen, den wird man Immanuel nennen." Der Name bedeutet: "Gott steht uns bei".

Aber halt. Das Wort kann ja auch nur "junge Frau" bedeuten. Dann sagt die Prophetie nur aus, dass eine junge Frau ein Kind bekommt. Nix Jungfrauengeburt mehr.

Griechisch Παρθενος (Parthenos = Jungfrau) oder Γυναιον (Gynaion = junge Frau)

Und nun kommen besonders kluge Menschen - unter anderen Josh McDowel - auf die Idee, die Septuaginta zu Rate zu ziehen. Der Grieche ist nämlich nicht in der komfortablen Lage, ein Wort עלמה (Alma) verwenden zu können. Er muss sich entscheiden:

  • Παρθενος (Parthenos = Jungfrau)
  • Γυναιον (Gynaion = junge Frau)

Die griechischen Übersetzer der Septuaginta haben sich dazu entschieden, das Wort עלמה (Alma) mit Παρθενος (Parthenos) zu übersetzen - mit Jungfrau.

Was sagt uns also die Septuaginta zur Jungfrau?

Sie sagt uns, dass einige Übersetzer sich damals vor vielen Jahren dazu entschieden haben, das Wort עלמה (Alma) mit Jungfrau zu übersetzen. Sonst sagt es uns nichts. Es ändert nichts daran, dass Hebräisch weiterhin die Grundsprache zur Übersetzung ist. Und es ändert auch nichts daran, dass das hebräische Wort עלמה (Alma) ebenso junge Frau bedeuten kann.

Und auch daran ändert es nichts, dass der Hebräer auch ein Wort בתולה (Bethula) zur Verfügung gehabt hätte. בתולה (Bethula) bedeutet Jungfrau. Und nur Jungfrau.

Was also hat die Autoren der Bibel geritten, עלמה (Alma) zu verwenden? Wie einfach wäre es gewesen בת (Bath) = Mädchen/Tochter oder בתולה (Bethula) = Jungfrau zu verwenden und der Nachwelt ein Rätselraten über diese Prophetie zu ersparen?

Wir wissen es nicht.

Und so bleibt auch an dieser Stelle wieder einmal die Frage nach diesem Gott in der christlichen Religion. Wo ist er eigentlich? Warum spielt er so mit uns verstecken? Und warum hilft er uns nicht einfach, sein Wort richtig zu verstehen. Wäre doch in seinem Sinn!

Josh McDowell und die Jungfrauen

Und was Josh McDowell mit seiner Bibel im Test betrifft, so muss ich ihm sagen: Die Septuaginta zwang ihre Übersetzer zu einer Entscheidung zwischen Jungfrau und Fräulein. Sie ist aber nicht mehr und nicht weniger, als eine Übersetzung. Und damit auch nicht mehr und nicht weniger, als eine Auslegung des hebräischen Grundtextes.

Nun könnte man noch argumentieren, dass wir hier zwar die Ansicht von Übersetzern haben. Aber eben die Ansicht von Übersetzern der Zeit um 200 v. Chr. Und man könnte sich dann einreden, dass die damals kompetenter waren, als wir heute. Das darf man gern tun. Dann sollte man jedoch nicht vergessen, dass die gleichen Leute als Messias einen Führer und Kriegsherrn erwarteten - jemanden wie Mose oder David - der Israel wieder stark machen sollte. Bestimmt wartete man damals auf keinen Jesus, der sich kreuzigen lässt.

Die gleichen Leute, die damals so kompetent waren, dass sie עלמה (Alma) mit Παρθενος (Parthenos) übersetzt haben, hätten einen "schwachen" Jesus, der von Feindesliebe spricht und sich ans Kreuz nageln lässt, als Messias nicht anerkannt.

Wikipedia sagt uns, dass es die פרושים (Peruschim) seit ca. 530 v. Chr. gab. Im Neuen Testament nannte man sie Pharisäer. Die Septuaginta wurde übersetzt von ca. 250 - 130 v. Chr. Schauen Sie doch ins Neue Testament, wie diese Leute mit Jesus umsprangen. Und dann erklären Sie mir, warum sie ihnen bei den Jungfrauen wieder trauen möchten.